Menschen mit Ukraine-Fahnen; Ein Jahr Ukraine-Krieg: Folgen für Menschen und Wirtschaft

Ein Jahr Ukraine-Krieg: Folgen für Menschen und Wirtschaft

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23. Februar 2023 // Aktuelles

Russland marschiert mit Zehntausenden Soldaten in die Ukraine ein, Luftangriffe auf die Hauptstadt Kiew, weltweites Entsetzen über den Angriff auf ein Nachbarland – diese Schlagzeilen bestimmten vor einem Jahr (am 24. Februar 2022) die Medienberichte. Die russische Armee und Söldnertruppen planten eine schnelle Eroberung des Landes. Der russische Präsident Wladimir Putin sprach von einer „militärischen Spezialoperation“ und hoffte offenbar, internationale Kritik am Ukraine-Krieg zu unterdrücken, indem er Erdöl- und Erdgas-Lieferungen als wirtschaftliche Waffe einsetzte.

Die Folgen des russischen Angriffs sind nach einem Jahr Ukraine-Krieg deutlich zu spüren:

  • Rund 145.000 russische Soldaten und Söldner wurden nach Angaben aus Kiew getötet. Weitere rund 50.000 Soldaten oder Söldner Russlands sind nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes kampfunfähig verwundet.
  • Auf ukrainischer Seite wird nach Angaben aus Kiew von rund 15.000 toten Soldaten ausgegangen.
  • Es gibt Tausende getötete und verletzte Zivilisten durch den russischen Angriffskrieg. Die Vereinten Nationen gehen von über 8.000 Toten (davon 487 Kinder) und fast 13.300 Verletzten (954 Kinder) aus.
  • In der Ukraine wurden ganze Ortschaften zerstört, Wohnviertel. Krankenhäuser und Schulen von Raketen getroffen, Energie- und Wärmeversorgung gezielt bombardiert.
  • 14 Millionen Menschen aus der Ukraine sind auf der Flucht, rund ein Drittel (4,86 Millionen) sind in anderen europäischen Staaten mit einem Flüchtlingsstatus registriert.
  • Tausende Kinder wurden offenbar aus der Ukraine nach Russland verschleppt. Die Kindernothilfe spricht in diesem Zusammenhang von schweren Kriegsverbrechen.

Wirtschaftliche Folgen des Ukraine-Kriegs

Die wirtschaftlichen Folgen sind weltweit spürbar, ausgelöst vor allem um einen zwischenzeitlich sehr starken Anstieg der Gas- und Erdöl-Preise sowie die Verhinderung von Lebensmittelexporten aus der Ukraine. Russland hatte die Sanktionen als Reaktion auf den Angriffskrieg teilweise mit Einstellung der Energielieferungen beantwortet, insbesondere bei Erdgas.

  • Viele Unternehmen beendeten zudem ihre Zusammenarbeit mit oder ihre Geschäfte in Russland. Vor allem Unternehmen mit einem starken Russland-Geschäft leiden darunter.
  • Durch die steigenden Energiepreise wurde die Inflation stark angeheizt, erreichte in den USA und Europa im Sommer und Herbst 2022 ihren Höhepunkt.
  • Auch bei einigen landwirtschaftlichen Nahrungsmitteln gab es einen starken Preisanstieg, weil beispielsweise die Ukraine lange keinen Weizen exportieren konnte. Rund ein Drittel der weltweiten Weizen-Produktion kam vor Kriegsbeginn aus der Ukraine oder Russland.
  • Die Notenbanken reagierten mit höheren Leitzinsen auf den starken Preisanstieg. Das hat deutliche Auswirkungen auf die Kapitalmärkte.
  • Anfangs gab es Sorgen, dass die Wirtschaft durch Inflation und Zinserhöhungen ausgebremst werden und eventuell eine Abschwungphase beginnen könnte.

Ein Jahr Ukraine-Krieg: Die aktuelle Lage

Vor allem im Osten der Ukraine gibt es heftige Kämpfe. Russische Truppen versuchen immer wieder, einzelne Ortschaften einzunehmen, teilweise mit sehr großen Verlusten. In Gegenoffensiven war es der Ukraine im Herbst 2022 gelungen, größere Gebiete aus russischer Besatzung zu befreien.

Mit systematischen Luft- und Drohnen-Angriffen auf zivile Infrastruktur wie Stromnetz, Fernwärme, Wohnviertel richtet Russland massive Zerstörung in Städten und Orten der Ukraine an. Die Regierung in Kiew bittet immer wieder im Ausland um Waffenlieferungen, um sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Russland hat mittlerweile immer mehr Soldaten rekrutiert, teilweise auch massenhaft Häftlinge in den Kampf geschickt. Der russische Präsident Putin baut dabei auf Unterstützung aus dem Iran, Nordkorea und Belarus. Er hofft außerdem auf Unterstützung aus China. Die Regierung aus Peking hatte zuletzt angekündigt, eine Initiative zu Friedensgesprächen vorzulegen.

Der Krieg und die Inflation in Deutschland

Russland galt als einer der wichtigsten Energielieferanten weltweit, insbesondere für Europa. Das Land verfügt über viele Erdgas- und Erdöl-Felder. Die Energiepreise reagierten extrem stark auf den russischen Angriff. Für Länder mit einer besonders energieintensiven Industrie – wie beispielsweise Deutschland – stieg so die Sorge, inwiefern bestimmte Geschäftsmodelle überhaupt noch überlebensfähig sind. Betroffen beispielsweise: Maschinenbau, chemische Industrie, Automobilbranche, Stahlproduktion.

Schon vor dem russischen Angriff am 24. Februar 2022 hatten sich die Energiepreise in Deutschland deutlich verteuert, im Herbst 2021 mussten daraufhin bereits einige Energieversorger Insolvenz anmelden. Durch den relativ milden Winter, staatliche Maßnahmen wie die Gaspreisbremse und die Strompreisbremse und eine weltweite Entspannung bei den Energiepreisen, hat sich diese Angst mittlerweile deutlich abgeschwächt. Die Preisentwicklung bei Öl, Gas und Benzin ist aktuell sogar rückläufig. Autofahrer, die Benzin oder Diesel tanken, können das derzeit an der Tanksäule beobachten.

Grafik zeigt die Entwicklung Energiepreise nach Russlands Angriff auf die Ukraine

Dennoch erwarten Experten auch weiter eine hohe Preissteigerung. Denn es gibt etliche Anzeichen dafür, dass die hohe Inflation beispielsweise verstärkt zur Forderung nach höheren Gehältern führt. Angesichts der Inflation im vergangenen Jahr durchaus verständlich. Das Problem: Die Kosten für höhere Gehälter werden Unternehmen in der Regel auf ihre Kunden umlegen - und so weiter die Preissteigerung antreiben. Die Bundesbank erwartet deshalb für die Inflation 2023: weiter hohe Werte, aber eine niedrigere Preissteigerung als im vergangenen Jahr. 2024 und 2025 ist dann mit einer Abschwächung zu rechnen.

Wen trifft die Inflation besonders?

Grafik zeigt Inflation im Vergleich: Auswirkungen des Ukraine-Kriegs

Ukraine-Krieg: Auswirkungen auf Anleihen und Aktien

Die Aktienmärkte zeigten sich schon in den Tagen vor Kriegsbeginn im Minus: Nach einer Rede Putins vom 21. Februar 2022 war der Angriff auf die Ukraine erwartet worden – die Unsicherheit über die möglichen Folgen für Energiepreise und Wirtschaftsentwicklung führte direkt zu sinkenden Aktienkursen.

Ergänzt wurde das durch weitere Faktoren:

  • Die starke Inflation erhöht für viele Unternehmen die Produktions- bzw. Lieferkosten, gleichzeitig droht eine geringere Nachfrage, wenn angesichts steigender Preise erst einmal weniger gekauft wird.
  • Die Zinserhöhungen der Zentralbanken, die so eine weitere Inflation eindämmen wollen, machen es für Unternehmen teurer, Ihr Geschäft bzw. Warenlieferungen oder Wachstumspläne zu finanzieren. Darunter leidet die Aussicht auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung.
  • Die offensichtliche Unsicherheit über die weitere Entwicklung und Dauer des Ukraine-Kriegs macht es schwieriger, eine wirtschaftliche Entwicklung vorauszusagen und zu planen.

Alles Punkte, die den Aktienmärkten bis in die zweite Jahreshälfte 2022 zusetzten. Danach wirkten sich zurückgehende Inflationswerte und Energiepreise bereits wieder positiv auf viele Kurse aus.

Grafik zeigt die Börsenentwicklung 1 Jahr nach Russlands Ukraine-Angriff

Steigende Zinsen zeigten zudem negative Auswirkungen auf die Anleihekurse:

  • Bestehende Anleihen zu Niedrigzinsen verloren an Wert. Schließlich lohnt es sich eher neu aufgelegte Anleihen zu höheren Zinssätzen zu kaufen.
  • Im Umfeld steigender Zinsen lohnt es sich für Anleger aber auch, bei neuen Anleihen erst einmal abzuwarten. Nach der nächsten Leitzinserhöhung dürfen sie schließlich mit noch höheren Zinssätzen rechnen.
Lohnen sich Anleihen überhaupt noch?

Sanktionen: Russlands Wirtschaft stark getroffen

Als Reaktion auf den russischen Angriff auf das Nachbarland Ukraine gelten mittlerweile weitreichende Sanktionen. Russland darf zum Beispiel nicht mehr mit Gütern beliefert werden, die zur Waffenproduktion verwendet werden können. Auch vom normalen Bankenverkehr mit anderen Ländern ist Russland teilweise abgeschnitten. Für russisches Erdöl gilt außerdem ein Ölpreisdeckel – wichtige Industrienationen verständigten sich darauf nur noch 75 % des Weltmarktpreises zu zahlen. Für Russland bedeutet das starke Einnahmeverluste.

Die deutsche Wirtschaft hat nach Angaben des Statistischen Bundesamts infolge des russischen Angriffskrieges 2022 die Lieferungen nach Russland um fast die Hälfte reduziert (minus 45,2 %). Zudem haben sich viele namhafte Firmen mittlerweile von ihrem Geschäft mit Russland verabschiedet und dortige Niederlassungen geschlossen oder verkauft. Viele Menschen in Russland müssen ihr Einkaufsverhalten massiv einschränken, die Inflation liegt Schätzungen zufolge bei rund 20 % im Jahr (offiziell: 12 % p.a.). Zur Stabilisierung der Währung und des Außenhandels musste die Zentralbank Russlands zudem einen Teil seiner Goldreserven verkaufen. Die vor allem durch den Export von Erdöl und Erdgas finanzierte russische Wirtschaft ist von den Sanktionen stark getroffen, durch die massive Mobilisierung von Soldaten für die russische Armee fehlen zudem an vielen Stellen Arbeitskräfte.

Weitere wirtschaftliche Entwicklung und Sorge um eine Rezession

Angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs waren viele Experten bereits davon ausgegangen, die Weltwirtschaft und die Wirtschaft wichtiger Handelsnationen wie der USA und Deutschland könnte in die Rezession abrutschen, also in eine wirtschaftliche Krise, in der die Leistung der Wirtschaft sinkt.

Was ist eine Rezession?

Davon ist mittlerweile deutlich weniger die Rede – aus den verschiedensten Gründen:

  • In den USA, der EU und anderen Wirtschaftsnationen ist nicht mehr wirklich von einer Energieknappheit auszugehen. Energielieferungen aus Russland konnten durch andere Bezugsquellen ersetzt werden, die Marktlage hat sich entspannt.
  • Der Abbruch vieler Unternehmensbeziehungen zu Russland hat aufgrund des geringen Gewichts des Landes kaum negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.
  • Angesichts sinkender Inflationszahlen gibt es für die Wirtschaft die Hoffnung, dass die Leitzinsen im kommenden Jahr auch wieder sinken könnten. Das bedeutet: Finanzierungen könnten dann wieder günstiger werden.
  • Wenn die Preissteigerungen künftig geringer ausfallen, ist damit zu rechnen, dass weniger Menschen nur die nötigsten Produkte einkaufen, sondern auch wieder größere Anschaffungen tätigen.
  • Es zeigt sich auch, dass gewaltige Neu-Investitionen zu erwarten sind: Sowohl in den USA wie auch in der EU werden Milliardensummen bereitgestellt, um neuere, grüne und ressourcenschonende Technologien zu entwickeln. Daraus könnte sich ein neuer Boom entwickeln, neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze entstehen.
  • Dass Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine so wenig erfolgreich ist, verringert die Wahrscheinlichkeit weiterer Krisen. Immer wieder gab es in den letzten Monaten und Jahren Ängste, Russland könnte nach dem Angriff auf die Ukraine mit seiner aggressiven Politik die Staaten des Baltikums oder andere Länder in Osteuropa überfallen oder auch Länder wie Finnland und Schweden bedrohen. Militärexperten halten dies angesichts der Schwierigkeiten Russlands aber zunehmend für unwahrscheinlich.

Welche Folgen ergeben sich für Anleger aus dem Ukraine-Krieg

An den Kapitalmärkten waren die zwölf Monate seit dem Angriff Russlands durchaus schwierig. Dennoch lassen sich für Anleger wichtige Lehren ziehen:

  • Emotionen führen selten zu guten Entscheidungen an den Kapitalmärkten. Wer in der Schwächephase der Märkte verkaufte und so Verluste realisierte, bekommt heute deutlich weniger Wertpapiere für sein Geld. Deutlich schneller als so mancher im vergangenen Jahr gedacht hat, bewegen sich wichtige Kapitalmärkte mittlerweile wieder in eine positive Richtung.
  • Wer in schwierigen Marktphasen weiter investiert, profitiert umso stärker von einer Erholung. Davon profitieren im aktuellen Marktumfeld Anleger, die im September letzten Jahres zusätzliche Beträge investiert haben. Den perfekten Zeitpunkt für ein Investment vorherzusagen, ist allerdings so gut wie unmöglich. Mit einem Sparplan profitieren Anleger übrigens automatisch von solchen Marktphasen – sie erhalten dann für ihre monatliche Sparplanrate mehr Anteile.
  • Der Fokus auf einzelne Branchen ist immer schwierig und riskant. Vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs hatten sich beispielsweise insbesondere Technologie-Werte besonders gut entwickelt. Sie profitierten vom sehr günstigen Zinsumfeld und haben es nach den Leitzinserhöhungen deutlich schwerer, ihr Geschäft zu finanzieren. Angesichts der Energiepreis-Entwicklung konnten in den vergangenen Monaten insbesondere Energiekonzerne ihre Erträge steigern. Dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird, ist aber damit noch lange nicht garantiert.
  • Eine Marktentwicklung ist nie eindimensional und einfach zu erklären. Oft spielen hier verschiedene Faktoren zusammen, wie beispielsweise Leitzinsen, Inflation, Krieg, Energiepreise und Angst vor Rezession. Menschen tendieren oft dazu, sich hier von einem bestimmten Faktor besonders stark beeindrucken zu lassen. Wer das Investment nach wissenschaftlichen Kriterien zusammenstellt (oder zusammenstellen lässt), ist so besser gegen Fehlentscheidungen abgesichert.
  • Wer sein Investment breit diversifiziert ist besser gegen Marktschwankungen abgesichert. Das zeigt sich beispielsweise, wenn die Entwicklung der growney-Portfolios mit dem oft als Weltindex gelobten MSCI World verglichen wird: Der starke Fokus auf US-Aktien und bestimmte Branchen (wie Technologie, Kommunikation, Konsum) kann zu unnötigen Klumpenrisiken führen. Eine diversifizierte Strategie vermeidet genau das.
  • Es lohnt sich die eigenen finanziellen Ziele im Blick zu behalten. Gerade wer mittel- oder langfristig für Vermögensaufbau oder Altersvorsorge investiert, braucht schwächere Marktphasen weit weniger zu fürchten als jemand, der hier kurzfristig denkt. Mit einem diversifizierten Aktienportfolio ist nämlich auch unter Berücksichtigung solcher Marktphasen eine durchschnittliche jährliche Rendite von 6,5 bis 7,5 % möglich.


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