Wer hat Angst vor dem Inflationsgespenst?

Die Teuerungsrate in Deutschland ist zuletzt deutlich angestiegen und hat ein Zehn-Jahres-Hoch erreicht. Zwar braucht niemand zu fürchten, bald mit Wäschekörben voller Geld zum Bäcker gehen zu müssen. Dennoch stecken viele Sparer, die ihr Geld auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten parken, in einer doppelten Zwickmühle: Die Kombination aus Niedrigzins und anziehender Inflation schlägt bei ihnen momentan voll durch. Der Preis für die vermeintliche Sicherheit solcher Sparformen ist hoch.

 

„Inflation ist wie Zahnpasta. Wenn sie erstmal raus ist, kriegt man sie kaum mehr rein“, hat einst Karl Otto Pöhl – in den 1980er-Jahren Chef der Bundesbank – Journalisten in den Block diktiert. Und momentan scheint sie wieder mit mehr Schwung aus der Tube zu kommen, denn die Inflationsrate ist hierzulande im Oktober auf 2,5 Prozent geklettert. Es ist der höchste Stand seit zehn Jahren.[1]

Was bedeutet das für die Sparer? Müssen sie sich um ihr Geld sorgen machen?

Zunächst einmal bedeutet ein Anstieg der Inflation schlicht und einfach, dass die Preise für Güter und Dienstleistungen schneller steigen. Besonders bemerkbar macht sich das momentan an der Tankstelle. Denn fürs Volltanken zahlen Autorfahrer aktuell deutlich mehr als noch vor einem Jahr. Für das gleiche Geld gibt es weniger Sprit, die Kaufkraft nimmt also ab. Gemessen wird die Teuerungsrate allerdings nicht anhand eines einzelnen Produkts, sondern anhand eines Warenkorbs, der sich aus verschiedenen Ausgaben, etwa für Miete, Energie, Lebensmittel und vielem mehr zusammensetzt.

 

Gute Inflation, schlechte Inflation

An und für sich sind leicht steigende Preise positiv und von Politik und Wirtschaft gewünscht. So strebt die Europäische Zentralbank (EZB) eine Inflationsrate von etwa zwei Prozent an. Wenn Firmen damit rechnen, dass die Preise steigen, investieren sie und können höhere Löhne zahlen. Die Konsumenten wiederum können dadurch mehr einkaufen. Inflation kann also für mehr Wachstum sorgen. (Deflation übrigens bewirkt das Gegenteil: Wenn Unternehmen mit sinkenden Preisen rechnen, streichen sie Ausgaben zusammen und die Wirtschaft gerät in Schieflage.)

Eine Inflationsrate von 2,5 Prozent ist also zunächst nichts Besorgniserregendes. Der Wert ist meilenweit von den „Weimarer Verhältnissen“ entfernt. Die damalige Hyperinflation ging als die radikalste Geldentwertung in einem Industrieland in die Geschichte ein. Auf ihrem Höhepunkt lag die Preissteigerung bei 29.500 Prozent – pro Monat.[2] Die Furcht vor Preissteigerungen hat sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Laut einer Allensbach-Umfrage fürchten sich mehr Menschen hierzulande vor Inflation als vor Einbrechern.[3]

 

Inflation schlägt voll durch

Ganz unbegründet ist diese Furcht auch heute nicht. Vor allem Sparer haben allen Grund zur Sorge. Und das hängt mit einer besonderen Konstellation zusammen: Auf der eine Seite sorgen steigende Preise dafür, dass die Kaufkraft des Geldes abnimmt. Auf der anderen Seite ist die seit Jahren anhaltende Nullzinsphase dafür verantwortlich, dass die Inflation voll auf die Ersparnisse durchschlägt. Denn für konservativ angelegtes Kapital – sei es das Sparbuch, Tages- oder Festgeld – gibt es momentan Zinsen höchstens in homöopathischen Dosen.

Im Klartext: Diese doppelte Zwickmühle vernichtet Vermögen. Nach Abzug der Inflation ist die sogenannte reale Rendite negativ. Dieser Effekt ist momentan so stark wie nie seit der Wiedervereinigung, hat die Bundesbank ermittelt.[4] „Sparer zahlen für die vermeintliche Sicherheit einen hohen Preis – und nur den wenigsten dürfte das bewusst sein“, sagt Gerald Klein, Gründer und Chef von Growney. Wie kommen Sparer raus aus der Falle?

 

Auch Aktien sind Sachwerte

Einen Inflationsschutz bieten – da sind sich im Grunde alle Experten einig – Sachwerte wie eine vermietete Immobilie. Die Miete kann an den Verbraucherpreisindex gekoppelt werden: Steigen die Preise, steigen auch die Einnahmen des Vermieters. Auch Aktien gehören zu den Sachwerten, obwohl man sie nicht anfassen oder darin wohnen kann. Denn hinter den dünnen Zeilen im Portfolio stecken echte Werte: Fabrikhallen, Serverfarmen, Mitarbeiter. Aktionäre sind Miteigentümer des Unternehmens. Steigen die Gewinne, steigt häufig auch der Aktienkurs oder die Dividende.

Aber schützen Aktien auch vor Inflation? Es kommt darauf an. Steigen die Preise so gemächlich wie momentan, stehen die Chancen gut, dass die Unternehmen die höheren Kosten, beispielsweise für Rohstoffe, an die Kunden weitergeben. Das gelingt einigen Firmen besser als anderen. Galoppiert jedoch die Inflation, geraten auch Aktien auf breiter Front unter Druck, weil Konsumenten weniger kaufen und Unternehmen weniger investieren. Zum Glück passiert das nur sehr selten.

 

Unter dem Strich bleibt für den Privatanleger die Erkenntnis: Langfristig sind Aktien die renditestärkste Anlageklasse. Und wer sein Kapital beispielsweise per ETFs breit streut, kann das Risiko von Rückschlägen mindern. In den vergangenen 118 Jahren haben globale Aktien nach Berechnungen der Credit Suisse trotz Weltkriegen, Großer Depression, Ölpreisschocks, Internetblase und Finanzkrise nach Abzug der Inflation eine reale Rendite von 5,2 Prozent pro Jahr erzielt.[5] Oder um in der Sprache von Karl Otto Pöhl zu bleiben: An Aktien perlt Inflation ab wie Zahnpasta von einer Teflonpfanne.

 

[1] https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2018/11/PD18_436_611.html

[2] https://www.welt.de/finanzen/article121878252/Wie-die-Hyperinflation-zum-deutschen-Trauma-wurde.html

[3] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/allensbach-umfrage-deutsche-fuerchten-finanzkrise-15621650.html

[4] https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/reale-portfoliorendite-privater-haushalte-zu-jahresbeginn-negativ-758108

[5] https://www.focus.de/finanzen/geldanlage/credit-suisse-analysiert-renditen-seit-1900-jahrhundert-studie-so-viel-verdienen-sie-mit-aktien-immobilien-und-gold_id_8584520.html