ETF-Kritik: Das Märchen vom Stabilitätsrisiko

ETFs haben kein Stabilitätsrisiko

Sicher, einfach, günstig: ETFs genießen einen hervorragenden Ruf. Gerade in einem Niedrigzinsumfeld feiert die Investmentform als kluge Anlagealternative derzeit große Erfolge. Doch gerade in jüngster Zeit gibt es auch immer mehr kritische Stimmen. ETFs und andere Indexfonds würden die Stabilität des Finanzsystems bedrohen und das Risiko für eine neue Finanzkrise erhöhen, verkünden einige „Experten“. Manche Medien greifen die Warnungen bereitwillig auf. Daher ist es höchste Zeit, einige dieser Vorwürfe genauer zu beleuchten und zu untersuchen, wie hoch das Systemrisiko von ETFs tatsächlich ist.

Verbraucher bestimmen über die Kapitalverteilung

Vielen Kritikern bereitet es Sorge, dass der Marktanteil passiver Investments gewachsen ist. Sie befürchten, dass durch den Zuwachs die volkswirtschaftliche Kapitalallokation der Finanzmärkte beeinträchtigt wird. Diese soll definitionsgemäß das Kapital in Investitionen mit der höchsten Rendite lenken und somit eine möglichst produktive Verwendung gewährleisten. Das heißt: Durch den Kauf von Aktien sollen gute Unternehmen mit Kapital belohnt werden. Schlechten Unternehmen soll im Gegenzug durch den Verkauf von Aktien Kapital entzogen werden. Passive Investments investieren in einen gesamten Index und unterscheiden Unternehmen nicht nach gut oder schlecht. Somit partizipieren diese nicht an der Allokationsfunktion der Kapitalmärkte. Da aber auch aktive Anleger und Fondsmanager keinen erheblichen Einfluss auf die Allokation von Eigen- und Fremdkapital in einer Volkswirtschaft ausüben, ist es wenig sinnvoll diesen Kritikpunkt gegenüber ETFs anzuwenden. Beim klassischen Aktienkauf fließt das Geld nicht den Unternehmen direkt zu, sondern dem Verkäufer des Wertpapiers. Dies ist nur bei einer Emission von Aktien oder Anleihen der Fall. Die eigentliche Macht, Unternehmen mit Kapital zu belohnen oder abzustrafen, haben nach wie vor die Konsumenten. Sie können durch den Erwerb eines Produktes oder einer Dienstleistung den Umsatz eines Unternehmens ankurbeln und somit das Kapital steigern – oder eben nicht.

Kursbewegungen werden oft automatisch eingepreist

„Indexfonds verstärken Trends“ ist ein häufig vorgebrachter Vorwurf gegenüber passiven Investments. Damit ist gemeint, dass Indexfonds Markttrends folgen und somit in einer Hausse (auch Bullenmarkt genannt ≙ anhaltend steigende Kurse) Aktien kaufen, wenn diese bereits einen höheren Kurs haben und in einer Baisse (auch Bärenmarkt genannt ≙ anhaltend fallende Kurse) Aktien verkaufen, deren Kurse bereits im Fall sind. Durch dieses Verhalten sollen ETFs angeblich Kursbewegungen und folglich auch Bären- sowie Bullenmärkte erheblich verstärken.
Diese Argumentation ist theoretisch zwar nachvollziehbar, trifft in der Realität allerdings nur selten zu. Grund hierfür ist, dass ein ETF meist keine Aktien nachkaufen muss, wenn der Börsenwert einer Aktie steigt. In vielen Fällen findet nämlich eine automatische Gewichtung statt: Preisveränderungen von Aktien werden bei einer Gewichtung nach Marktkapitalisierung meist vollends durch den Preis reflektiert. Der Anteil einer Aktie im ETF steigt automatisch, sobald eine Aktie an Wert gewinnt und somit muss sie auch nicht nachgekauft werden.
Entgegen dem unberechtigten Vorwurf  funktioniert diese „automatische Anpassung“ nur in wenigen Fällen nicht: Zum Beispiel, wenn alle Aktien in einem Index gleichgewichtet sind oder wenn eine Aktie einen Index wechselt.

Asset Manager sind keine Banken

Die wohl schwerwiegendste Sorge lautet, dass die mögliche Pleite von größeren ETF-Anbietern, etwa ausgelöst durch einen Börsencrash, das Finanzsystem destabilisieren könnte. Diese Annahme ist wohl darauf zurückzuführen, dass einige Banken in der Vergangenheit in Finanzkrisen verwickelt waren, oder diese gar auslösten. Wenn große ETF-Anbieter in Schwierigkeiten gerieten, so die Überlegung, könnte das Finanzsystem ebenfalls Schaden nehmen. Bei dem Argument gibt es allerdings einen Denkfehler: ETF-Anbieter sind Asset Manager und können nicht mit Banken gleichgesetzt werden. Bei einem Börsencrash würden die ETF-Anbieter nicht zwangsläufig funktionsunfähig werden. Die Kundengelder, die ETF-Anbieter verwahren, würden eventuell dezimiert. Der Anbieter selbst würde aber nur Einnahmen aus der Verwaltungsgebühr einbüßen – und das  führt nicht automatisch in die Pleite. Zudem vergeben Asset Manager keine Kredite. Hier stehen sie im Gegensatz zu Banken, die Kundeneinlagen nutzen, um Kredite zu vergeben, welche in Krisen ausfallen können. Der Absturz oder die mögliche Aufspaltung eines ETF-Anbieters hätte auf die gesamtwirtschaftliche Kreditvergabe jedoch wenig Einfluss. Dies gilt im Übrigen auch für die Anbieter von aktiv gemanagten Fonds.

Aktiv und passiv haben beide eine Daseinsberechtigung

Das generelle verteufeln von ETFs ist eine Übertreibung, die zumeist von den konkurrierenden aktiven Investmenthäusern geäußert wird. Beide Investmentformen haben in unseren Augen ihre Daseins-Berechtigung.

Während der Vorteil des ETFs darin liegt, dass sie sich immer konstant so gut wie der zugehörige Markt entwickeln und kostengünstig sind, können aktive Investmentfonds auf informationsineffizienten Märkten punkten. Generell gilt: Je spezieller ein Thema und je weniger zur Verfügung stehende Informationen in den Börsenkursen eingepreist sind, desto sinnvoller ist ein aktiver Ansatz. Grund dafür ist, dass aktive Investmentmanager mit tiefgehendem Research auch in stagnierenden Märkten einzelne Unternehmen mit Potenzial identifizieren und in diese investieren können. Das kann ein ETF, der in vielen Fällen auf einen ganzen Markt investiert, nicht. Auch wenn Investoren eine spezielle ethische oder ökologische Richtung verfolgen wollen, eignet sich ein aktiver Ansatz, bei dem auf Individualbedürfnisse dieser Art eingegangen werden kann. Doch trotz der Möglichkeit, aufgrund von Research besonders attraktive Unternehmen herauszupicken, schaffen es nur 2,2 Prozent der aktiv gemanagten Investmentfonds ihren Vergleichsindex zu schlagen.


Jonas Haase
CTO/CPO bei growneyJonas Haase - growney CTO/CPO

Diplom-Volkswirt Jonas Haase war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Ökonometrie/Schwerpunkt Finanzmärkte der Humboldt-Universität Berlin und ist Mitbegründer und Entwickler eines von der HU geförderten Datenanbieters für hochfrequente Börsen­handels­daten. Sein Ziel mit growney: „Erfolgreiches Anlegen so einfach und bequem zu machen, dass dafür kein Doktorhut mehr nötig ist.“